Die «Papiertiger-Umfrage» hat gezeigt, dass zentrale Versorgungsprozesse wie Medikationsabgleiche besonders viel unnötige Administration verursachen. Wo sehen Sie die grössten Hebel, um hier rasch und systemisch Entlastung zu schaffen?
Prof. Dr. med. Sven Streit: Die korrekte Verschreibung, Dosierung und Überprüfung von Medikamenten ist zentral – besonders bei älteren Menschen mit Mehrfacherkrankungen. Ein interprofessioneller Blick auf eine aktuelle Medikationsliste verbessert die Therapiequalität deutlich. Was jedoch belastet, sind Medienbrüche: Listen werden als PDF verschickt, manuell übertragen und erneut als PDF weitergeleitet. Instrumente wie der eMediplan und das eRezept könnten diese Prozesse vereinfachen, sind jedoch noch nicht flächendeckend kompatibel implementiert. Der grösste Hebel liegt in einem verbindlichen nationalen Standard, der den strukturierten, aktuellen Datenaustausch ermöglicht.
83 Prozent der Befragten nennen fehlende Interoperabilität als Hauptproblem. Welche konkreten politischen oder regulatorischen Schritte braucht es, damit sich daran tatsächlich etwas ändert – und wer steht in der Verantwortung?
Positiv ist: Das Gesundheitswesen arbeitet weitgehend digital. Was fehlt, sind funktionierende Austauschmöglichkeiten zwischen den Systemen. Im Kontext des Elektronischen Patientendossiers und der Digitalisierungsinitiative DigiSanté braucht es jetzt klare politische Vorgaben für einen nationalen Standard. Nur so wissen Systemanbieter verbindlich, welche Schnittstellen und Formate umzusetzen sind. Gleichzeitig tragen auch Gesundheitsfachpersonen Verantwortung: Wenn die Technik den Austausch ermöglicht, müssen Prozesse so gestaltet werden, dass sie aus Sicht der Leistungserbringer einfach, nachvollziehbar und sicher funktionieren.
Viele Ärzt:innen erleben Rückfragen von Versicherern als Ausdruck einer Misstrauenskultur. Wie dies alternativ in der Praxis gehandhabt werden, ohne die WZW-Prüfung (Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit) auszuhebeln?
Die gesetzlichen Grundlagen zur Indikation, Kostenübernahme und WZW-Prüfung sind klar geregelt. Problematisch ist jedoch eine Kultur, in der Leistungen systematisch automatisiert hinterfragt werden – häufig papierbasiert und ohne Berücksichtigung bereits erteilter Kostengutsprachen oder früherer Bewilligungen. Das erzeugt hohen Aufwand ohne erkennbaren Mehrwert für Patient:innen. Kontrolle wird akzeptiert, eine pauschale Infragestellung hingegen nicht. Wenn selbst Versicherer angeben, zu Rückfragen verpflichtet zu sein, zeigt das: Eine echte Veränderung braucht angepasste Rahmenbedingungen z.B. auf gesetzlicher Ebene.
Die Administration trifft nicht nur Ärzt:innen, sondern auch MPAs und Spitalteams. Welche Delegations- oder Kompetenzmodelle erachten Sie als sinnvoll, um medizinische Fachkompetenz gezielt dort einzusetzen, wo sie den grössten Nutzen bringt?
Delegation wird überall dort umgesetzt, wo sie qualitativ sinnvoll und verantwortbar ist. Viele Praxen möchten zusätzliche medizinische Aufgaben an qualifizierte MPAs oder andere Berufsgruppen zu übertragen. In der Realität fehlt dafür jedoch oft die Zeit, weil administrative Anforderungen stetig zunehmen. Dadurch gerät ein seit Jahren angestossener Delegationsprozess ins Stocken – obwohl Kompetenzen und Bereitschaft vorhanden wären.
Wenn jede Stunde Bürokratie eine verlorene Stunde für Patient:innen ist: Haben Sie Daten oder Schätzungen, wie stark die Versorgungsqualität oder -kapazität konkret beeinträchtigt wird?
Konkrete quantitative Daten aus unserer Erhebung liegen dazu nicht vor. Aktuelle Untersuchungen, unter anderem des Schweizerischen Gesundheitsobservatorium, zeigen jedoch, dass die Schweiz bei belastender, unnötiger Administration im internationalen Vergleich zur Spitzengruppe gehört. Mehr administrative Arbeit bedeutet weniger Zeit pro Patient:in, eine zusätzliche Verschärfung des Fachkräftemangels – und keinen nachweisbaren Qualitäts- oder Kostenvorteil für das System.
Die Kampagne «Papiertiger» macht unnötige Administration sichtbar – doch wie stellen Sie sicher, dass aus Symbolik strukturelle Veränderungen entstehen und nicht nur kurzfristige Aufmerksamkeit?
Die Kampagne macht bewusst auf besonders absurde Beispiele aufmerksam – etwa wenn ein Rollstuhlfahrer jährlich bestätigen muss, dass er weiterhin im Rollstuhl sitzt, oder Angehörige nach einem Todesfall zusätzliche ärztliche Bescheinigungen vorlegen sollen. Solche Fälle sensibilisieren Öffentlichkeit und Politik. Gleichzeitig arbeiten wir parallel mit Partnerverbänden daran, strukturelle Ursachen zu identifizieren und gemeinsam konkrete, pragmatische Lösungen zu erarbeiten. Aufmerksamkeit ist der erste Schritt – nachhaltige Entlastung entsteht nur durch koordiniertes Handeln.
Zur Person
Prof. Dr. med. Sven Streit ist Professor am Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) und Präsident der Nachwuchsförderungskommission der SGAIM. Unter anderem widmet er sich der Forschung zu Multimorbidität und Polypharmazie. Seiner Praxis am Burgweg bleibt er auch weiterhin treu, schätzt er doch den täglichen Kontakt zu seinen Patientinnen und Patienten. Damit er seine Zeit künftig wieder vermehrt ihnen widmen kann, engagiert er sich mit Vehemenz in der Kampagne «Papiertiger».

